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Reichtum
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Reichtum bezeichnet den Ăberfluss an gegenstĂ€ndlichen oder geistigen Werten. Es gibt jedoch keine allgemeingĂŒltige Festlegung, da die Vorstellung von Reichtum von kulturell geprĂ€gten, subjektiven und zum Teil höchst emotionalen bzw. normativen Wertvorstellungen abhĂ€ngt. In den modernen Industriestaaten wird Reichtum hĂ€ufig ausschlieĂlich quantitativ auf Wohlstand und Lebensstandard bezogen, obwohl er sich tatsĂ€chlich nicht auf materielle GĂŒter reduzieren lĂ€sst. Die Bedeutung geistigen Reichtums wird hĂ€ufig unterschĂ€tzt. Gesellschaftlich gesehen erfordert die Entstehung von Reichtum die allgemein akzeptierte Ăbereinkunft, dass Dinge, Land oder Geld jemandem gehören und dass dieses Eigentum geschĂŒtzt wird. So ist (bzw. war) Reichtum in egalitĂ€ren Gesellschaften unbekannt. Die kulturelle Unterschiedlichkeit des Begriffes ist zum Teil Gegenstand heftiger Debatten.
Das Gegenteil von materiellem Reichtum bzw. wirtschaftlichem Vermögen â sprich: der Mangel an GĂŒtern bzw. ein ĂŒberdurchschnittlich niedriger quantitativer Wohlstand â wird als Armut bezeichnet; auch hier gibt es die Unterscheidung zwischen materieller und geistiger Armut.
Contents
âą Etymologie
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Etymologie
Das entsprechende Adjektiv zu âReichtumâ lautet reich. Es lĂ€sst sich auch in anderen germanischen Sprachen wiederfinden, so z. B. im englischen rich oder im schwedischen rik. In seiner historisch Ă€ltesten Form got. reiks bedeutet das Adjektiv âmĂ€chtigâ und das Substantiv âHerrscher, Obrigkeitâ. Sprachwissenschaftler gehen letztlich von einem keltischen Ursprung aus.cite-ref-1[1]cite-ref-2[2]
Materieller und monetÀrer Reichtum
Nach Berechnungen von Oxfam aus dem Jahr 2014 verfĂŒgen die reichsten 85 Menschen ĂŒber denselben Reichtum wie die Ă€rmere HĂ€lfte der Erdbevölkerung zusammen. Nach dem Bericht verfĂŒgen diese 85 reichsten Menschen ĂŒber ein Vermögen von einer Billion Britischer Pfund, was dem Vermögen der 3,5 Milliarden Ă€rmsten Menschen entspricht. Das Vermögen des reichsten Prozentes der Weltbevölkerung belaufe sich weiterhin auf insgesamt 60,88 Billionen Pfund.cite-ref-3[3]cite-ref-4[4]
Psychologische Effekte
Unmoralisches Verhalten
Der Wohlstand eines Menschen beeinflusst dessen Denken, Handeln und FĂŒhlen. Laut psychologischer Forschung tendieren wohlhabende Menschen dazu, etwa anderen in Not oft nur dann zu helfen, wenn dies öffentlich geschieht oder sie sich als WohltĂ€ter inszenieren können. AuĂerdem lĂŒgen und betrĂŒgen Reiche hĂ€ufiger als Menschen mit niedrigerem sozioökonomischem Rang. Reichtum verringert auĂerdem die Empathie. Entsprechendes Verhalten zeigt sich nicht nur in Feldstudien, sondern kann in experimentellen Laborstudien auch erzeugt werden, indem man bei den Studienteilnehmern das GefĂŒhl eines höheren sozioökonomischen Status induziert.cite-ref-5[5]cite-ref-6[6]cite-ref-7[7]cite-ref-8[8]
Begrenzter Einfluss auf Wohlbefinden
Generell ist Geld zwar relevant fĂŒr das Wohlbefinden, aber der Effekt wird meist ĂŒberschĂ€tzt.cite-ref-9[9] Speziell Einkommensreichtum hat zusĂ€tzlich nur einen (im wörtlichen Sinne) begrenzten Einfluss auf das LebensglĂŒck, da ab einer gewissen Höhe des Einkommens die betreffenden Indikatoren fĂŒr GlĂŒck eine Grenze oder âSĂ€ttigungâ erreichen, d. h. ein Plateau, ab dem sie nicht mehr ansteigen. So wird fĂŒr Westeuropa und Skandinavien dieses Plateau ab einem gewichteten Ăquivalenzjahreseinkommen von 50.000 bis 100.000 US-Dollar erreicht (je nach Indikator). Letzterer Wert entsprach (im Jahr der Studienveröffentlichung) etwa einem Einkommen von 7.062 Euro im Monat. Im Jahr 2023 lag dieses sog. âGlĂŒckseinkommenâ in Deutschland bei rund 78.000 Euro pro Jahr, in Ăsterreich bei ca. 82.000 Euro pro Jahr und in der Schweiz bei ca. 110.000 Euro pro Jahr.cite-ref-10[10] Aus Sicht der Studienautoren können die Studienergebnisse fĂŒr Regierungen dazu beitragen, MaĂnahmen zur Umverteilung des Reichtums zu motivieren.cite-ref-11[11] Zum Vergleich: In Deutschland griff im Jahr der Studienveröffentlichung der Höchststeuersatz ab einem zu versteuernden Einkommen von 22.111 Euro im Monat bei Einzelveranlagungcite-ref-12[12], in Ăsterreich ab einem zu versteuernden Einkommen von 1 Million Euro im Jahr, das sind ca. 71.000 Euro im Monat.cite-ref-13[13]
Nicht auf der Ebene einzelner Personen, sondern auf der Ebene ganzer LĂ€nder wird der geringe Zusammenhang zwischen (volkswirtschaftlichem) Einkommen und Wohlbefinden als Easterlin-Paradox bezeichnet.
Solidarisierungseffekt mit den Reichen
Der âSolidarisierungseffekt mit den Reichenâ beschreibt das PhĂ€nomen, dass sich auch Bevölkerungsgruppen, die sich weit unterhalb der wohlhabenden Mittelschichten mit groĂem Vermögen befinden, mit diesen identifizieren. Sie befĂŒrchten, dass ihr eigenes Gespartes von einer Umverteilungspolitik selbst betroffen sein könnte. Die Identifikation mit den Reichen gibt es nicht zuletzt auch deshalb, da Reichtum ein eigenes Lebensziel bzw. Ideal ist und sich mehr Menschen der Mittelschicht zugehörig fĂŒhlen, als es der Definitionen entspricht.cite-ref-14[14]
Volkswirtschaftliche Effekte
Wenn massive Anteile des Einkommens einer Nation in den HĂ€nden einiger weniger konzentriert sind, leidet das gesamtwirtschaftliche Wachstum. Eine Studie des Internationalen WĂ€hrungsfonds aus dem Jahr 2015 ergab, dass âwenn der Einkommensanteil der obersten 20 % (der Reichen) steigt, nimmt das BIP-Wachstum mittelfristig tatsĂ€chlich ab, was darauf hindeutet, dass Gewinne nicht nach unten durchsickernâ, wĂ€hrend âeine Zunahme des Einkommensanteils der unteren 20 % (der Armen) mit einem höheren BIP-Wachstum verbunden ist.âcite-ref-15[15]cite-ref-16[16]cite-ref-17[17]
Reichtum von Staaten
Der Reichtum von LÀndern lÀsst sich anhand verschiedener Indikatoren vergleichen. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner waren 2019 die reichsten LÀnder der Welt Irland (80.504 Dollar pro Kopf), Schweiz (82.483 Dollar pro Kopf) und Luxemburg (115.838 Dollar pro Kopf). Deutschland belegte mit 46.472 Dollar den 18. Platz.cite-ref-18[18]
Interessenvertretung auf EU-Ebene
Laut dem Transparenzregister fĂŒr die europĂ€ische Interessenvertretung kommen in BrĂŒssel auf zwei Arbeitnehmervertreter 100 Interessensvertreter von Unternehmen und ihren VerbĂ€nden. Die Neue Zeit zog daraus die Schlussfolgerung, dass Menschen mit viel Geld eine 50 Mal stĂ€rkere Stimme haben als Menschen mit wenig Geld. Dies hebele die europĂ€ische Demokratie aus.cite-ref-19[19]
Reichtum in Deutschland
Deutschland ist â gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) â im weltweiten Vergleich ein sehr reiches Land. Zwischen 1960 und 2003 hat sich das inflationsbereinigte BIP verdreifacht. Zwischen 1991 und 2001 wuchs es um knapp 16 % von 1.710 Milliarden Euro auf 1.980 Milliarden Euro. Das Geldvermögen, das Privatleute besitzen, stieg in diesen zehn Jahren um rund 80 %, von 2,0 Billionen Euro 1991 auf 3,6 Billionen Euro 2001.
Es wird unterschieden zwischen Reichtum bezogen auf das Einkommen (sogenannter Einkommensreichtum) und bezogen auf das Vermögen (Vermögensreichtum).
Vermögensreichtum
Merkmale
Es besteht ein Zusammenhang zwischen Vermögensreichtum und Aktienbesitz auf zwei Ebenen. Zum einen kann nur bei ausreichendem Vermögen ĂŒberhaupt in Aktien oder Fonds investiert werden. So ist beispielsweise im bundesweiten Vergleich im reichen Landkreis Starnberg der Anteil der Einwohner am höchsten, die Aktien (41 %) oder Fondsanteile (66 %) besitzen. Da zum anderen Aktien sich langfristig besser rentieren als Zinsprodukte, werden Vermögende zudem noch vermögender als Nicht-Aktienbesitzer.cite-ref-23[23]
Einzelpersonen
Im Jahr 2019 lag laut des weltweiten Vermögensberichts der Credit Suisse in Deutschland das mittlere Vermögen eines Erwachsenen bei 35.313 US-Dollar,cite-ref-24[24] was ca. 31.500 Euro entsprach. Wird die von Ernst-Ulrich Huster vorgeschlagene Grenze von 200 % des Medians angewendet, ergibt sich fĂŒr Deutschland der Vermögensreichtum ab einem Vermögen von 63.000 Euro. Laut offizieller Statistik lag 2013 diese sogenannte âReichtumsschwelleâ dagegen bei 77.378 Euro.cite-ref-25[25]cite-ref-26[26]
Banken benutzen nicht diese auf Statistik basierende Schwelle. Sie teilen ihre Kundschaft in vier Kategorien ein:cite-ref-27[27]
1. Bankkontostand unter 100.000 Euro = normale Person,
2. liquides Nettovermögen von mehr als 100.000 Euro = wohlhabende Person (Englisch: âaffluentâ),
3. ab einer Million Euro = reiche Person (âHigh-Net-Worth-Individualâ),
4. ab 30 Millionen Euro = superreiche Person (âUltra-High-Net-Worth-Individualâ).
Hierbei ist das persönliche Gesamtvermögen nicht entscheidend, sondern es wird nur darauf abgestellt, wie viel Geld eine Person flĂŒssig zur VerfĂŒgung hat (liquides Nettovermögen). Denn nur diese Summe kann angelegt werden und nur ĂŒber die Vermittlung von Geldanlagen verdienen die Banken Provisionen und Entgelte.
Haushalte
Das iwd definierte 2019 Haushalte in Deutschland als vermögensreich, wenn sie ĂŒber ein Nettovermögen von 477.200 Euro verfĂŒgen. Diese Grenze lag in der Altersgruppe unter 30 deutlich niedriger und in der Altersgruppe von 55 und 59 Jahren deutlich höher.cite-ref-7-28-0[28]
Laut Daten der Bundesbank ist Immobilienbesitz ein guter Indikator fĂŒr die Höhe des Vermögens von Haushalten. Haushalte, die in einer eigenen Immobilie leben, haben deutlich höhere Nettovermögen als Mieterhaushalte.cite-ref-6-29-0[29]
Vermögensverteilung
Die Vermögen, besonders die Geldvermögen, sind sehr ungleich verteilt (siehe Vermögensverteilung in Deutschland). WĂ€hrend im Jahr 2003 die âunterenâ 50 % aller Haushalte zusammen 3,8 % des Gesamtvermögens besaĂen, verfĂŒgten die âoberenâ 10 % der Haushalte ĂŒber 46,8 % des privaten Vermögens in Deutschland. 1998 lag dieses VerhĂ€ltnis noch bei 3,9 % zu 44,4 %.cite-ref-32[32] Dieser Trend setzte sich in den folgenden Jahren fort. So verfĂŒgte 2017 die Ă€rmere HĂ€lfte der Bevölkerung ĂŒber 1,3 % des Gesamtvermögens, die reichsten 10 % ĂŒber 56 %.cite-ref-33[33] SchĂ€tzungen des DIW, die fehlende Daten des Statistischen Bundesamtes ergĂ€nzten (siehe Abschnitt Einkommensreichtum), kamen zu einer noch stĂ€rkeren Konzentration des Vermögensreichtums. Demnach besaĂen die reichsten 10 % der Deutschen mindestens 63 % des Volksvermögens.cite-ref-34[34]
Auch innerhalb der reichsten 10 % besteht eine Konzentration des Vermögensreichtums. Im Jahr 2008 besaĂen 0,001 %, also 380 Haushalte, ein Nettovermögen von 419,3 Milliarden Euro oder 5,28 % des Reinvermögens der privaten Haushalte. Die reichsten 0,0001 % der Haushalte (38 Haushalte) besaĂen 132,35 Milliarden Euro oder 1,67 % des gesamten privaten Vermögens.cite-ref-f3-35-0[35]cite-ref-36[36]
Im Jahr 2014 besaĂen die 45 reichsten Haushalte so viel wie die Ă€rmere HĂ€lfte der Bevölkerung, nĂ€mlich jeweils 214 Milliarden Euro Vermögen.cite-ref-37[37]
Einzelne Gruppen von Vermögenden
Personen, deren Vermögen so groà ist, dass sie davon leben, ohne aktiv zu arbeiten, werden als Privatiers bezeichnet. In Deutschland gab es im Jahr 2018 rund 627.000 Privatiers. Das entspricht einer Steigerung von 68,5 % seit der Jahrtausendwende.cite-ref-38[38]cite-ref-39[39]
2010 gab es in Deutschland noch 830.000 VermögensmillionĂ€re.cite-ref-val-40-0[40] Bis zum Jahr 2013 erhöhte sich diese Zahl auf 1.015.000.cite-ref-41[41] Obwohl Deutschland 2015 und 2016 zusammen insgesamt 5.000 VermögensmillionĂ€re das Land verlieĂen,cite-ref-42[42] stieg laut World Wealth Report bis 2018 ihre Zahl in Deutschland weiter auf 1,364 Millionen MillionĂ€re.cite-ref-43[43]
Bei den 1000 reichsten Personen, von denen knapp ein Viertel MilliardÀre sind, nahm allein im Jahr 2017 das Vermögen um 13 % zu, wÀhrend im gleichen Zeitraum das BIP um 2 % stieg. Das Vermögen belief sich zuvor schon auf 1177 Milliarden Euro. Zum Vergleich: 2018 umfasste der Bundeshaushalt 335 Milliarden Euro, also weniger als ein Drittel des Vermögens der 1000 reichsten Personen.cite-ref-44[44]
Laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes hat sich von 2010 bis 2019 die Anzahl der MilliardÀre in Deutschland von 55 auf 107 fast verdoppelt.cite-ref-45[45] Im Vergleich der BundeslÀnder lebten 2015 die meisten MilliardÀre in Nordrhein-Westfalen mit einem Gesamtvermögen von 96 Milliarden Euro.cite-ref-46[46]
Die reichsten Deutschen mit dem gröĂten Vermögen waren 2020 Susanne Klatten (16,44 Milliarden Euro; SKion, BMW), Beate Heister und Karl Albrecht Jr. (29,25 Milliarden Euro; Aldi SĂŒd) sowie die Familie Reimann (35 Milliarden Euro, Chemiekonzern Benckiser).cite-ref-47[47]cite-ref-48[48] Zum Vergleich: Die Reimann-Familie hat damit ein gröĂeres Vermögen als der Gesamtwert aller GĂŒter, Waren und Dienstleistungen des Staates Lettland.cite-ref-49[49]
Krisengewinner
Laut PwC und UBS stieg die Anzahl der deutschen Dollar-MilliardĂ€re wĂ€hrend der Corona-Rezession bis Juli 2020 von 114 auf 119 erneut an, ihr Vermögen wuchs von 501 Milliarden auf 595 Milliarden Euro.cite-ref-50[50] FĂŒr das gesamte Jahr 2020 kam die Financial Times zusammen mit Morgan Stanley zu einem Ă€hnlichen Ergebnis. Die Zahl der MilliardĂ€re in Deutschland stieg auf 136, ihr Vermögen stieg um mehr als 100 Milliarden Euro oder drei Prozent der Wirtschaftsleistung Deutschlands, wĂ€hrend diese um etwa 170 Milliarden Euro oder 4,9 Prozent schrumpfte.cite-ref-51[51]
SelbsteingeschÀtzter Reichtum von Vermögenden
Den reichsten 20 % der Bevölkerung ordneten sich 2017 nur 3 % der Haushalte korrekt zu. Ferner zeigte sich, dass je höher das Vermögen, desto höher der Anteil der Haushalte, die sich falsch einordnen. Auch die Abweichung von der geschĂ€tzten zur tatsĂ€chlichen Position in der Vermögensverteilung nimmt mit dem Vermögen zu.cite-ref-6-29-2[29] MillionĂ€re zĂ€hlen sich oft zur âgehobenen Mittelschichtâ.cite-ref-52[52]cite-ref-53[53]
Im internationalen Vergleich
Laut dem Global Wealth Report der Credit Suisse ist die Konzentration von Vermögen in Deutschland stĂ€rker als in anderen westeuropĂ€ischen LĂ€ndern. So verfĂŒgt das reichste Prozent der Einwohner in Deutschland ĂŒber 30 % des Vermögens. Dagegen hat in GroĂbritannien das reichste Prozent der Einwohner 24 % des Vermögens, in Italien und Frankreich jeweils 22 %.cite-ref-54[54]cite-ref-55[55]
Ursachen
Erbschaften
In einer Untersuchung des DIW wurden das (bereits zuvor) vorhandene Nettovermögen mit der Höhe der erhaltenen Erbschaften bzw. Schenkungen verglichen. Unter den Personen, die ĂŒber einen 15-jĂ€hrigen Zeitraum eine Erbschaft oder Schenkung erhielten, betrugen diese im Median 32.000 Euro bzw. 36.000 Euro. Die 20 % der Personen der Gesamtbevölkerung mit dem höchsten Nettovermögen erhielten jedoch auch die gröĂten Erbschaften und Schenkungen mit 145.000 Euro.cite-ref-56[56]cite-ref-57[57]cite-ref-58[58]cite-ref-59[59] Auch subjektiv sind Erbschaften und Schenkungen von Bedeutung. So wurden Hochvermögende (mit mindestens einer Million Euro Geldvermögen) nach den GrĂŒnden fĂŒr ihre Vermögenssituation gefragt. Als hĂ€ufigster Grund wurden mit zwei Dritteln der Antworten dabei Erbschaften und Schenkungen genannt.cite-ref-60[60]cite-ref-61[61]cite-ref-62[62]
Erbschaftsteuer
Michael Hartmann zufolge ist die Vermögenskonzentration in Deutschland auf die hohe Zahl von Familienunternehmen und deren BegĂŒnstigung durch das Erbschaftsteuergesetz von 2009 zurĂŒckzufĂŒhren. Bei den NutznieĂern handle es sich nicht, wie oft dargestellt, um gröĂere Handwerkerunternehmen, sondern um groĂe und sehr groĂe Unternehmen. So sei anders als in anderen LĂ€ndern in Deutschland etwa die HĂ€lfte der 100 gröĂten Unternehmen in Familienbesitz.cite-ref-4-65-0[65] (Der HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Verbands der Familienunternehmer, der im Manager Magazin als âCheflobbyist der Reichenâ bezeichnet wurde, Ă€uĂerte sich insoweit Ă€hnlich, als das ihm zufolge bei Familienunternehmern das Betriebsvermögen in der Bilanz oft nicht vom Vermögen reicher Personen zu unterscheiden sei.cite-ref-66[66]) Ein Beispiel dafĂŒr wĂ€re die Robert Bosch GmbH, die 2020 den Rang zehn der umsatzstĂ€rksten Familienunternehmen der Welt besetzte. Der Konzern ist Firmenangaben zufolge zu 99 % im Besitz der Familie des FirmengrĂŒnders.cite-ref-67[67]
Das Erbschaftsteuergesetz, das durch eine Reform 2016 kaum verĂ€ndert worden sei, ermögliche laut Hartmann ein nahezu steuerfreies Vererben von groĂen Unternehmensvermögen. Hartmann verweist dazu auf Statistiken, nach denen die Erbschaftsteuer bei Unternehmen um so höher, je kleiner das vererbte Vermögen war.cite-ref-4-65-1[65]
ParteiprÀferenzen
Mit zunehmendem Vermögensreichtum Ă€ndert sich auch die ParteiprĂ€ferenz. Mit ansteigendem Vermögen erhöht sich die PrĂ€ferenz fĂŒr CDU und FDP, fĂŒr alle anderen Parteien fĂ€llt sie.cite-ref-3-68-1[68]
Geographische Verteilung
Es besteht ein hohes West-Ost-GefĂ€lle der Vermögensverteilung. So stammten 2019 z. B. von den 1000 reichsten Deutschen nur zehn Familien aus Ostdeutschland.cite-ref-5-69-0[69] Betrachtet man die Gesamtbevölkerung war 2019 das Durchschnittsvermögen eines Ostdeutschen etwa halb so hoch wie das eines Westdeutschen.cite-ref-5-69-1[69] Allerdings scheint die Vermögenskonzentration in den neuen BundeslĂ€ndern gröĂer zu sein als in den alten.
Mit einem mittleren Vermögen von 139.800 Euro lebten die reichsten Haushalte in Baden-WĂŒrttemberg, Bayern und Hessen (Gesamtdeutschland: 70.800 Euro).cite-ref-6-29-3[29]
âą Bayern in mehreren Gebieten, die ungefĂ€hr im Bereich zwischen Ammersee im Nordwesten, Penzberg im SĂŒdwesten und Rosenheim im Osten liegen.
âą Berlin
âą Hamburg
âą Nordrhein-Westfalen in den Regionen von jeweils Essen, DĂŒsseldorf, Köln und Bonn
Soziales Milieu
Eine Studie im Auftrag der HypoVereinsbank von 2009 anhand einer Stichprobe von Personen mit mindestens einer Million Euro zeigte mehrere soziale Milieus bei Vermögensreichen. Die mit 20â25 % anteilig gröĂte Gruppe bildeten die âstatusorientierten Vermögendenâ. Sie zeichneten sich aus durch Leistungsorientierung, ein HocheinschĂ€tzen der eigenen FĂ€higkeiten und Verlangen nach Anerkennung. Typisch sei, dass die betreffenden Personen versuchen, durch Statussymbole und Luxuskonsum anderen zu imponieren und um Bewunderung fĂŒr sich zu werben. Gleichzeitig hĂ€tten sie hĂ€ufig das GefĂŒhl, von anderen Vermögenden ebenso wie von Neidern nicht die volle Anerkennung zu erfahren.cite-ref-72[72] In einer Einordnung der Studie durch den Spiegel wurde Carsten Maschmeyer als ein Vertreter der statusorientierten Vermögenden genannt.cite-ref-73[73]
Schulden
Den Gegensatz zum privaten Vermögensreichtum bildet die Ăberschuldung von knapp 2,8 Millionen Haushalten. Im Jahr 2002 betrugen die Schulden privater Haushalte 1.535 Milliarden Euro, die Schulden der Unternehmen 3.142 Milliarden Euro und die öffentliche Verschuldung 1.523 Milliarden Euro (2006). Das Nettogeldvermögen aller Unternehmen lag im negativen Bereich bei â1.241 Milliarden Euro, das des Staates bei â1.061 Milliarden Euro. Spiegelbildlich dazu lag das Nettogeldvermögen privater Haushalte und der Versicherungen und Banken bei 2.380 Milliarden Euro.cite-ref-74[74]
Einkommensreichtum
â
Hauptartikel
:
Einkommensverteilung in Deutschland
Personen mit mehr als dem Doppelten des Ă€quivalenzgewichteten mittleren Einkommens leben in Einkommensreichtum. Diese Grenze wurde von Ernst-Ulrich Huster vorgeschlagen.cite-ref-woek-75-0[75] Entsprechend ist diese Reichtumsschwelle eine verĂ€nderliche GröĂe in AbhĂ€ngigkeit von EinkommensverĂ€nderungen in der Bevölkerung. Im Jahr 2015 lag die Grenze bei ca. 3.390 Euro im Monat.cite-ref-2-76-0[76]
Dagegen galt man laut Institut der deutschen Wirtschaft (iwd) man als reich, wenn man als Single ĂŒber 3850 Euro netto verdient (Stand: 2019). FĂŒr ein Paar wird dieser Wert mit 1,5 multipliziert und fĂŒr eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren betrĂ€gt der Multiplikator 2,1. Ein Paar ohne Kinder gilt folglich mit einem gemeinsamen Haushaltsnettoeinkommen von 5775 Euro als reich.cite-ref-7-28-1[28]
Das Bundesministerium fĂŒr Arbeit und Soziales definiert Einkommensreichtum als das Dreifache des Medians der NettoeinkĂŒnfte von der Gesamtbevölkerung.cite-ref-77[77] Dieser lag 2019 bei knapp 1900 Euro. Wer also ĂŒber 5700 Euro pro Monat verdiente, galt als einkommensreich.cite-ref-7-28-2[28]
HĂ€ufigkeit
Von 1991 bis 2019 stieg der Anteil der Reichen an der Bevölkerung, die Reichtumsquote, von 5,6 % auf 7,9 %.cite-ref-80[80]
Die tatsĂ€chlichen Reichtumsquoten sind höher, da aufgrund der Datenerhebung mittels freiwilliger Selbstauskunft und durch mit steigendem Einkommen und Vermögen abnehmender Auskunftsbereitschaft die statistisch auswertbare Datengrundlage fĂŒr hohen Einkommen und Vermögen so mangelhaft ist, dass das Statistische Bundesamt nur Haushaltsnettoeinkommen bis zur Abschneidegrenze von 18.000 Euro/Monat berĂŒcksichtigt. Rund 70 % der SelbststĂ€ndigen- und Vermögenseinkommen sind deshalb in den Verteilungsberechnungen nicht enthalten. Zudem ausgeschlossen von der Erhebung sind nicht entnommene Gewinne SelbstĂ€ndiger und Personen in GemeinschaftsunterkĂŒnften, beispielsweise Bewohner eines Pflegeheimes, sowie Obdachlose. Die GröĂe der Abweichung von den tatsĂ€chlichen Einkommen zeigt der Vergleich zwischen den Einkommenssummen der EVS mit den tatsĂ€chlichen Einkommenssummen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR).cite-ref-81[81]cite-ref-82[82]
2008 betrug die Abweichung der statistischen SelbstĂ€ndigen- und Vermögenseinkommen in Höhe von 139 Milliarden Euro in der EVS zu der gleichartigen Einkommensumme von 477 Milliarden Euro in der VGR rund 338 Milliarden Euro. Etwa 71 % dieser Einkommen wurden durch die EVS nicht erfasst und sind in den Verteilungsrechnungen und somit in den UngleichverteilungsmaĂen wie dem Gini-Index oder der Reichtumsquote nicht dargestellt. Laut Statistischem Bundesamt âdeutet dies auf eine grundsĂ€tzliche Problematik der Messung von SelbstĂ€ndigen- und Vermögenseinkommen in (freiwilligen) Haushaltserhebungen hinâ.cite-ref-83[83]
Geographische Verteilung
Die Reichtumsquote war 2019 am höchsten in den BundeslĂ€ndern Hamburg (10,9 %), Hessen (10,3 %) und Baden-WĂŒrttemberg (9,9 %). Am niedrigsten war die Reichtumsquote in Sachsen-Anhalt (3,1 %), Mecklenburg-Vorpommern (3,6 %) und ThĂŒringen (3,7 %).cite-ref-86[86]
Die höchsten monatlichen Pro-Kopf-Einkommen gab es 2016 mit 2.916 Euro im Landkreis Starnberg und im Landkreis Heilbronn mit 2.697 Euro, die damit ĂŒber dem Staat Luxemburg lagen (2.550 Euro).cite-ref-87[87]
Den höchsten Anteil von EinkommensmillionÀren an gab es 2015 im Hochtaunuskreis, im Stadtkreis Baden-Baden und im Landkreis Starnberg.cite-ref-88[88]
Angenommener vs. tatsÀchlicher Einkommensreichtum
Nach einer Umfrage der Humboldt-UniversitĂ€t zu Berlin im Auftrag des Magazins Geo 2007 nahmen die Befragten an, dass die durchschnittlichen GehĂ€lter von Vorstandsvorsitzenden im Jahr 2006 bei 125.000 ⏠monatlich lĂ€gen.cite-ref-geomagazin10-07-89-0[89] Das Monatseinkommen der Vorstandsvorsitzenden der DAX-Aktiengesellschaften lag 2006 jedoch bei 358.000 Euro. 2007 sind sie auf 374.000 Eurocite-ref-90[90] bzw. 391.000 âŹcite-ref-91[91] gestiegen.
Krankenversicherung
In einer 2020 veröffentlichten Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung wurde das zweigliedrige System aus privaten (PKV) und gesetzlichen (GKV) Krankenkassen untersucht. Aus Sicht der Studie wandern die finanziell leistungsstarken Versicherten in die PKV ab. So lÀgen die monatlichen Einnahmen eines PKV-Mitglieds bei im Schnitt 3.155 Euro im Vergleich zu durchschnittlich 2.012 Euro bei einem GKV-Mitglied.cite-ref-92[92]cite-ref-93[93]cite-ref-94[94]cite-ref-95[95]
âReichensteuerâ
Die Zahl der Personen, die von der Reichensteuer betroffen sind, ist erheblich niedriger als die der Reichtumsquote, da âdie Reichenâ hier nur als Schlagwort fĂŒr eine Teilgruppe und nicht im wissenschaftlichen Sinne gebraucht wird. Personen, die von der Reichensteuer betroffen waren, hatten 2009 ein Jahreseinkommen von ĂŒber 250.401 Euro bei Einzelveranlagung und 500.802 Euro bei Zusammenveranlagung. Diese Anzahl belief sich 2009 auf insgesamt rund 57.942 Personen, also 0,22 % der Steuerpflichtigen.cite-ref-96[96] Diese Anzahl stieg bis 2017 auf ca. 156.000 Steuerpflichtige an, bis 2018 auf ca. 163.000cite-ref-12-97-0[97] (bei ĂŒber 256.304 Euro Einzelveranlagung und 512.608 Euro Zusammenveranlagung).cite-ref-98[98]
Steuerliche PrĂŒfungen
Hingegen ist laut Auskunft des Bundesfinanzministeriums die Zahl der BetriebsprĂŒfungen durch SteuerprĂŒfer rĂŒcklĂ€ufig bei Personen mit EinkĂŒnften ĂŒber 500.000 Euro pro Jahr. Sie ist von 1.630 im Jahr 2009 um fast 30 % auf 1.150 im Jahr 2018 gefallen.cite-ref-0-84-1[84]cite-ref-1-85-1[85] Bis zum Jahr 2020 sankt die Zahl abermals auf 909 PrĂŒfungen.cite-ref-99[99]
Durchsetzung von Interessen
Einfluss bei politischen Entscheidungen
Laut einem Forschungsbericht von 2016 im Auftrag des Bundesministeriums fĂŒr Arbeit und Soziales werden in Deutschland bei politischen Entscheidungen die PrĂ€ferenzen von sozialen Gruppen unterschiedlich stark berĂŒcksichtigt. Ausgewertet wurden dabei Daten aus der Zeit zwischen 1998 und 2015. Es zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang von Entscheidungen zu den Einstellungen von Personen mit höherem Einkommen, aber keiner oder sogar ein negativer Zusammenhang fĂŒr die Einkommensschwachen.cite-ref-100[100]
ParteiprÀferenzen
In Deutschland haben WĂ€hler mit unterschiedlichen ParteiprĂ€ferenzen verschiedene mittlere Netto-Haushaltseinkommen. Im Bundestagswahljahr 2017 waren laut DIW die drei Parteien, unter deren potentiellen WĂ€hlern sich die höchsten Haushaltseinkommen fanden, CDU und BĂŒndnis 90/GrĂŒne mit jeweils 3.000 Euro und FDP mit 3.400 Euro.cite-ref-101[101]cite-ref-102[102] Zum Vergleich: die Reichtumsgrenze fĂŒr Einkommen lag 2015 bei ca. 3.390 Euro.cite-ref-2-76-1[76]
Im Jahr 2020 erhielten bei der Kreiswahl im Landkreis Starnberg, der in ganz Deutschland das höchste durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen aufweist, bei ĂŒber 66.000 gĂŒltigen Stimmen die CSU 34 %, die GrĂŒnen 30 % und die Freien WĂ€hler 14 % der Stimmen.cite-ref-103[103]
Bund der Steuerzahler
Nach Meinung von Beobachtern vertritt der Bund der Steuerzahler entgegen seinem Namen nicht die Interessen aller Steuerpflichtigen, sondern nur die der Reichen. Zu diesem Schluss kamen Beobachter unter anderem, weil 22 % der Leser der Mitgliederzeitschrift ĂŒber ein Haushaltsnettoeinkommen von mehr als 5.000 Euro im Monat verfĂŒgen (In der Gesamtbevölkerung: 8 %).cite-ref-104[104] Auch SPD-Vertreter Ă€uĂerten die Ansicht, dass der Verband vor allem Interessenpolitik fĂŒr Einkommensreiche und Vermögende macht.cite-ref-105[105]
Ursachen
Die Ursachen fĂŒr Einkommensreichtum sind von denen fĂŒr niedrige Einkommen zu unterscheiden. WĂ€hrend niedrige Einkommen seit der Wiedervereinigung vor allem durch Merkmale des Arbeitsmarkts verursacht wurden,cite-ref-106[106] waren entscheidend fĂŒr hohe Einkommen die (auch in anderen IndustrielĂ€ndern) zurĂŒckgegangene SteuerprogressivitĂ€t. Das fĂŒhrte dazu, dass Haushalte und Unternehmen mit hohem Einkommen jetzt niedrigere effektive SteuersĂ€tze haben. TatsĂ€chlich deutet eine Analyse des IWF darauf hin, dass die steigende Konzentration des Einkommens vor Steuern an der Spitze in vielen IndustrielĂ€ndern auch mit sinkenden SpitzensteuersĂ€tzen zusammenhing: Je höher die Senkung des Spitzensteuersatzes, desto höher war fĂŒr das Top 1 % die Zunahme des Einkommensanteils an einer Volkswirtschaft.cite-ref-107[107]cite-ref-108[108]
Reichtum in Ăsterreich
Das Privatvermögen in Ăsterreich betrug im Jahr 2001 rund 581 Milliarden Euro. Die reichste in Ăsterreich lebende Einzelperson war (verstorben am 5. Oktober 2006) mit 5,4 Milliarden Euro Friedrich Karl Flick. Der reichste gebĂŒrtige Ăsterreicher war bis 2022 Dietrich Mateschitz. Neben ihnen gab es um 2022 noch 350 Menschen in Ăsterreich, die ĂŒber 10,9 Milliarden Euro zu ihrem Besitz zĂ€hlen können und rund 28.000 Euro-MillionĂ€re.
Spitzenverdiener finden sich in Ăsterreich in den Bereichen Privatwirtschaft, Kunst oder auch dem professionell betriebenen Sport. Als Bestverdiener kann mit einem jĂ€hrlichen Bruttoeinkommen von ca. 10 Millionen Euro Siegfried Wolf, Vorstandsvorsitzender der Magna-Austria, ausgemacht werden.
Der statistisch durchschnittliche Ăsterreicher verdient rund 18.750 Euro nach Abzug der Steuern pro Jahr und die statistisch durchschnittliche Ăsterreicherin rund 12.270 Euro nach Abzug der Steuern pro Jahr. Dies sind Werte fĂŒr unselbstĂ€ndig ErwerbstĂ€tige ohne Lehrlinge aus dem Jahr 2003.cite-ref-109[109]
Siehe auch
:
Vermögensverteilung in Ăsterreich
SelbsteingeschĂ€tzter Reichtum von Vermögenden in Ăsterreich
Ăhnlich wie in Deutschland gibt es in Ăsterreich das PhĂ€nomen der falschen SelbsteinschĂ€tzung bezĂŒglich dem eigenen Vermögen. Fast alle Ăsterreicherinnen und Ăsterreicher sehen sich als Teil der gesellschaftlichen Mitte, so z. B. auch ein Landeshauptmanncite-ref-110[110] mit einem monatlichen Bruttogehalt von knapp 20.000 Eurocite-ref-111[111]. Zwar will niemand als arm gelten und die Armen machen sich reicher als sie sind, dennoch â und noch viel mehr â kaum jemand sieht sich selbst als reich. Die GrĂŒnde dafĂŒr sind vielfĂ€ltig (z. B.: die gesellschaftliche Mitte wird als WohlfĂŒhlort wahrgenommen; die meisten denken, Reichtum beginne etwas oberhalb von ihnen selbst; es gibt groĂe ErhebungslĂŒcken bei Umfragen, da die Reichen daran nicht teilnehmen), ebenso wie die Auswirkungen (Gefahr fĂŒr die demokratische Grundordnung der Gesellschaft, die politische und wirtschaftliche StabilitĂ€t, das Gesundheitssystem; Ungerechtigkeit im Steuersystem â Arbeit deutlich mehr besteuert als Vermögen etc.).cite-ref-112[112] Eindeutig ist nur: Die Mitte, zu der sich alle Menschen in Ăsterreich zĂ€hlen, gibt es nicht, zumindest wenn es um Vermögen geht. Vielmehr teilt sich die Gesellschaft in Sachen Vermögen: Nach SchĂ€tzungen der Ăsterreichischen Nationalbank aufgrund von Immobilien und anderen bekannten Vermögenswerten besitzt das oberste Prozent (1 %), die MultimillionĂ€re und MilliardĂ€re, rund 50 % des gesamten Vermögens in Ăsterreich, die obere HĂ€lfte aller Haushalte (50 %) besitzt den GroĂteil des restlichen Vermögens (95 %) und die untere HĂ€lfte (50 %) besitzt zusammen weniger als fĂŒnf Prozent (5 %) des gesamten Vermögens in Ăsterreich.cite-ref-113[113] Beim Einkommen verdienen die obersten zehn Prozent (10 %), die Topverdiener, 30 % des Gesamteinkommens.cite-ref-114[114]
Millionaires for Humanity
Aus Anlass der Corona-Krise forderten 83 MillionĂ€re aus sieben LĂ€ndern, die sich âMillionaires for Humanityâ nannten, in einem durch Oxfam und andere Hilfsorganisationen verbreiteten offenen Brief an Regierungen weltweit, dass diese dauerhaft höhere Steuern fĂŒr die Reichsten erheben sollten. Darin sehen die Unterzeichnenden einen Weg, Gesundheitssysteme, Schulen und soziale Sicherheit angemessen zu finanzieren. Sie appellierten âBesteuert uns. Besteuert uns. Besteuert uns. Es ist die richtige Wahl. Es ist die einzige Wahl.âcite-ref-115[115]cite-ref-116[116]cite-ref-117[117]cite-ref-118[118]
Unterschiedliche Betrachtungsweisen
âDie Liebe zum Besitz ist bei ihnen (den WeiĂen) wie eine Krankheit. Diese Leute haben viele Gebote erlassen, welche von den Reichen gebrochen werden dĂŒrfen, von den Armen jedoch nicht. Sie erheben Abgaben von den Armen und Schwachen, um die Reichen und Herrschenden zu ernĂ€hren. (âŠ)â
â
Sitting Bull
Die sozialwissenschaftliche Sicht von Reichtum
â
Hauptartikel
:
Reichtumsforschung
Die Ethnologie und Soziologie beschreiben Gesellschaften auch ĂŒber ihr VerstĂ€ndnis von Reichtum und ĂŒber die Strukturen und Machtmittel, die sie einsetzen, um diesen Reichtum zu schĂŒtzen. Ăberdies kann der Reichtum an Prestige verleihenden GĂŒtern anthropologisch als Grund des Fetischismus untersucht werden. Unter anderem gibt es groteske FĂ€lle, in denen Menschen von ihrem Kontostand oder dem darauf liegenden Geld sexuell erregt wurden (Paraphilie).
DarĂŒber hinaus beobachtet die Sozialwissenschaft die AnhĂ€ufung von Reichtum unter dem Aspekt der Verteilung von Ressourcen und damit auch der Machtverteilung. Die moderne Elitesoziologie, insbesondere das Power Structure Research, betrachten die Reichtumsentwicklung sehr kritisch.
Kritik am Reichtum
Bereits der antike Philosoph Platon verfasste eine umfangreiche Schrift ĂŒber die ZusammenhĂ€nge von Reichtum, einseitiger Machtkonzentration und moralischem Verfall.cite-ref-120[120] Der enorme Reichtum Roms wird von Historikern oft als Ursache fĂŒr den Verfall der römischen Gesellschaft im 1. Jahrhundert v. Chr. gesehen. Heute wird hĂ€ufig der ausschlieĂlich materielle Reichtumsbegriff kritisiert: Menschen, die einen hohen Lebensstandard genieĂen, wĂŒrden leicht ihre âgeistige Wachsamkeitâ und ihren âsozialen Reichtumâ einbĂŒĂen.cite-ref-121[121]cite-ref-122[122]
Friedrich Nietzsche meint, dass der Reichtum eine aristokratische Rasse erzeuge, weil er erlaube, die schönsten Frauen zu wĂ€hlen, die besten Lehrer zu bezahlen, Sport zu treiben und sich von verdumpfender körperlicher Arbeit fernzuhalten. Diese Wirkungen entstĂŒnden schon bei geringem Reichtum, es gĂ€be keine Steigerung, auch wenn der Reichtum erheblich gesteigert werde. Armut sei nur fĂŒr diejenigen nĂŒtzlich, die ihr GlĂŒck im Glanze der Höfe, als Helfer fĂŒr Einflussreiche oder als KirchenhĂ€upter suchten.cite-ref-123[123]
Eine sehr detaillierte Auseinandersetzung mit den Ursachen des heutigen Reichtumsbegriffes lieferte der Sozialpsychologe Erich Fromm mit seinem 1976 veröffentlichten Werk Haben oder Sein. Er sieht die westliche Kultur als NĂ€hrboden fĂŒr die Existenzweise des âewigen SĂ€uglings, der nach der Flasche schreitâ, statt einer Haltung, die sich produktiv mit der Welt auseinandersetzt und wenig auf materiellen Besitz gibt.cite-ref-124[124]
Christian NeuhĂ€user zufolge wĂ€re eine Person reich, wenn sie mit Blick auf notwendige Erfordernisse fĂŒr die Selbstachtung ĂŒber viele Geldmittel verfĂŒgt. FragwĂŒrdig werde Reichtum, wenn durch ihn verhindert oder es zumindest erschwert wird, dass andere Personen in Selbstachtung leben. So sei Reichtum moralisch problematisch, der eine nicht rechtfertigbare MachtausĂŒbung ermöglicht oder erleichtert. NeuhĂ€user sieht es daher als notwendig an, die Orientierung in der Gesellschaft auf das âReich-Werdenâ zu ĂŒberwinden. Dies könnte erreicht werden, wenn Steuern auf Einkommen und Vermögen â sobald sie in den Bereich des Reichtums kommen â stark ansteigen. Als Konsequenz wĂŒrde es sich nicht mehr lohnen, nach Reichtum zu streben. Unternehmer wĂŒrden dann nicht mehr Reichtum als Ziel, sondern soziale Ziele verfolgen.cite-ref-125[125]cite-ref-126[126]
Den Kritikern von Reichen wird zum Teil unterstellt, dass es ihnen nicht um Gerechtigkeit gehe, sondern dass sie von Neid getrieben seien. Dieser Vorwurf wird jedoch als nicht ĂŒberzeugend bemĂ€ngelt, da NeidgefĂŒhle eine soziale NĂ€he voraussetzen, die kaum entstehen kann, da Superreiche durch Abschottung in einer Art Parallelwelt leben. Beim Neidvorwurf solle es sich daher vielmehr um eine Immunisierungsstrategie handeln. Neid richtet sich demgegenĂŒber viel hĂ€ufiger auf Ă€rmere Menschen â z. B. FlĂŒchtlinge und SozialhilfeempfĂ€nger â, die staatliche UnterstĂŒtzung erhalten.cite-ref-127[127]cite-ref-128[128]cite-ref-129[129]cite-ref-130[130]
Die Sicht der Weltanschauungen
Im ursprĂŒnglichen christlichen Glauben predigte Jesus Christus: âEher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel.â Im Markusevangelium wollte er zeigen, dass man sich nicht auf seinen Reichtum verlassen soll, wenn es darum geht, âdas ewige Leben zu erbenâ (Mk 10,17b).
Ausgehend vom Determinations-/PrĂ€destinationsdenkens Luthers bzw. Calvins konnotierte die protestantische MentalitĂ€t Reichtum als Indiz der ErwĂ€hlung des Reichen durch Gott (Calvinismus). Der Reiche habe deswegen seinen Reichtum im höchsten Sinne âverdientâ. Soziokulturelle Auswirkungen hat dieses Denken bis heute in den KernlĂ€ndern des Protestantismus wie GroĂbritannien oder den USA. In Verbindung mit Reichtum wird in protestantisch geprĂ€gten Staaten traditionell der Begriff Leistungsgerechtigkeit hĂ€ufiger gebraucht als der im Katholizismus ĂŒbliche Begriff Verteilungsgerechtigkeit.
In Bezug auf den Buddhismus wird Reichtum Ă€hnlich wie im frĂŒhen Christentum als Belastung angesehen. Tenzin Gyatso, der derzeitige Dalai Lama, meint: âGenugtuung, Geld auf der Bank zu haben, macht vielleicht im Moment glĂŒcklich, doch mit der Zeit hat der Besitzende immer mehr Angst, dass er alles verlieren könnte. Der groĂe Lehrer (Buddha) predigte deshalb Armut, da er darin eine Art von âErlösungâ sah.â
Auch die Vertreter indigener Völker wenden sich hĂ€ufig gegen die eurozentrisch geprĂ€gten Vorstellungen von Reichtum und Fortschritt. Oftmals widerstrebt materieller Besitz ihren traditionellen Ăberzeugungen und spirituellen Vorstellungen.cite-ref-131[131]
Literatur
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âą Chrystia Freeland: Die Superreichen. Aufstieg und Herrschaft einer neuen globalen Geldelite. Westend, Frankfurt 2013, ISBN 978-3-86489-045-1.
⹠Eva Maria Gajek; Anne Kurr; Lu Seegers (Hrsg.): Reichtum in Deutschland. Akteure, Netzwerke und Lebenswelten im 20. Jahrhundert. Wallstein Verlag, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8353-3409-0.
âą Dennis Gastmann: Geschlossene Gesellschaft. Ein Reichtumsbericht. Rowohlt Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-87134-773-3.
âą Ulrike Herrmann: Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen. Westend Verlag, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-86489-044-4.
âą Dieter Klein: MilliardĂ€re â Kassenleere. RĂ€tselhafter Verbleib des anschwellenden Reichtums. Berlin 2006, ISBN 978-3-320-02081-1.
âą Hans-JĂŒrgen Krysmanski: 0,1 % â Das Imperium der MilliardĂ€re. Westend 2012.
⹠Christian NeuhÀuser:
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âą Wie reich darf man sein? Ăber Gier, Neid und Gerechtigkeit. Reclam 2019, ISBN 978-3-15-019602-1.
âą Birger Priddat: Wozu reich sein? Vermögen, Stiftungen, Staat â Die Grundmuster legitimen Reichtums. 111 â 116 in: Lettre International Nr. 98, Herbst 2012.
âą Ulrich Viehöver: Die EinflussReichen. Henkel, Otto und Co â Wer in Deutschland Geld und Macht hat. Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-593-37667-7.
⹠Heinz-J. Bontrup: Erbeuteter Reichtum. Wege aus der neoliberalen Zerstörung. Köln 2025, ISBN 978-3-89438-326-8
Weblinks
Wiktionary: Reichtum
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
Wikiquote: Reichtum
â Zitate
âą Bundesministerium fĂŒr Arbeit und Soziales: armuts-und-reichtumsbericht.de
âą âWorld Wealth Reportâ, Juni 2008. (Memento vom 29. Mai 2009 im Internet Archive) (PDF; 7 kB) Merrill Lynch (Statistik ĂŒber die Personen mit dem gröĂten Nettovermögen der Welt)
âą Focus.de, Focus Magazin 31/2007, Kerstin Holzer: Die Sorgen verlagern sich (Der Soziologe Thomas Druyen ĂŒber LebensgefĂŒhl und Verantwortung der Superreichen)
⹠presseportal.de: BILANZ ermittelt 150 Milliardenvermögen in Deutschland
âą Statistik Austria, statistik.at: Brutto- und Nettojahreseinkommen der unselbstĂ€ndig ErwerbstĂ€tigen 1997 bis 2017 (Ăsterreich)
âą visualcapitalist.com vom 26. Dezember 2018, Nick Routley: Visualizing the Extreme Concentration of Global Wealth (âVisualisierung der extremen Konzentration des globalen Vermögensâ)
âą Zeit.de, Die Zeit 52/2006, Stephan Lebert, Stefan Willeke: Die Starnberger Republik. In: Die Zeit, Nr. (Nirgendwo in Deutschland leben mehr MillionĂ€re als am Starnberger See. Der Staat, das sind sie â auch der BĂŒrgermeister fĂŒrchtet ihre AnwĂ€lte. Besuch bei der Oberschicht, die lebt, wie es ihr gefĂ€llt)
âą Eva Maria Gajek und Felix Römer: âReichtumâ, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 5. MĂ€rz 2025
Einzelnachweise
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